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Sport & Mord

Im Rahmen der Fußball-WM und deren Unvermeidbarkeit in Sachen Medienverschorfung habe ich mir erlaubt, mal wieder einige autobiografische Betrachtungen in mein Blog einfließen zu lassen...Fans meiner Arbeiten werden begeistert sein.

ES LEBE DER PASSIVSPORT

Auch ich zähle zu den beneidenswerten Mitmenschen, die als Teenager nur einen Bruchteil der Zeit, die sie der Bildschirmpräsenz dem Phänomen Fußball widmeten, mit lästiger aktiver (und dann auch meist schulbedingter) Plackerei in dieser Sport-und Leidensart verbrachten.
Wie der römische Imperator niemals den leidenschaftlichen Wunsch verspürte, selber gegen Löwen im Circus Maximus zu kämpfen, so delektierte meinereiner sich diesbezüglich auch eher in der Beobachtung des Treibens. Blutgrätschen konnten daher gar nicht ruppig genug sein, wer nicht mindestens gelb sah, war ein Weichei, und Elfmeter sollte es nur für offene Brüche geben.
Eine solch rustikale Ideologie kann natürlich nur der fachkundige Fernsehsportler vertreten, deswegen mögen mir aktive Fußballer diese Einstellung nachsehen und da mal beim nächsten premiere-Boxabend in bierseliger Runde erneut drüber nachdenken.
Komme mir also keiner mit scheinheiliger Empörung.
Wer bitte denkt bei dem Namen Ewald Lienens denn nicht zuerst an die klaffende Oberschenkelwunde, die ihm ein gegnerischer Stollen pressefotogerecht zugefügt hat, und erst dann an seine aktiven sportlichen Verdienste im Trikot der Mönchengladbacher Borussia?

Die zweite große Fernsehsportart, der man in den Achtziger Jahren frohen Herzens frönen konnte, war - ein totaler Gegensatz zu dem plebejischen Vergnügen der deutschen Sportart Nummer 1 – Tennis.
Sie wurde dann auch Fernsehsportart Nummer 2, weswegen ich mir anmaße, meine persönliche Meinung als objektiven Eindruck anzusehen.
Dies überhaupt ermöglichte allerdings erst ein einzelner Mann, ein weißer Ritter mit goldenem Arm sozusagen, nämlich der legendäre und glorreiche Wimbledonsieger Michael Stich, der das Medien-und somit Volks- und somit wieder Medieninteresse auf eine Sportart fokussierte, die bis dahin national ähnlich fernsehwirksam inszeniert wurde wie Eierlaufen, Fingerhakeln oder Nilpferdvoltogieren.
Auch die vorausgegangenen Wimbledonsiege eines gewissen rothaarigen Leimeners namens Boris Becker, der hinterher ein erfolgreicher Unternehmer geworden ist, fanden nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt und waren keinesfalls in der Lage,
einen innerdeutschen Tennisboom zu entfachen.

Spaß beiseite; das war natürlich genau umgekehrt, hahaha.
Ich bitte dies mit der Begründung zu entschuldigen, diese alberne Verdrehung deutscher Sportgeschichte nur mit Rücksicht auf den geneigten Leser verursacht zu haben, denn sollte er Vorausgegangenes mangels besseren Wissens geglaubt haben, ist dieses Kapitel für ihn nicht so interessant, da es sich in erster Linie an den Passivtennis-Interessierten wendet und ich mir aus Platz- und Thematikgründen nicht erlauben kann, die Tennisszene der Achtziger Jahre grundlegend aufzuarbeiten. Da ich zum Abschweifen neige, ist das eine oder andere allerdings doch möglicherweise herauszuarbeiten Im Zweifel kann ich das Weiterlesen dennoch empfehlen, da ich es selbst auch getan habe

Also zur Sache: meiner Fußballfaulheit habe ich im Tennis sogar noch eins draufzusetzen, nämlich mit der Tatsache, dass ich bisher im ganzen Leben noch nicht auf einem Tennisplatz gestanden und gleichzeitig ein Racket in der Hand gehabt, geschweige denn damit nach einem Ball geschlagen habe.
Dies lässt erfreulicherweise Raum für die Fantasie, dass es sich bei mir um ein latentes Talent handelt, das den Tennissport aus der post-Becker-Krise hätte herausführen können, aber inzwischen bin ich zu alt, um noch mit Tennis anzufangen, also muss es wohl ein anderer richten.. Auch war ich in Badminton immer nur breitensportlicher Durchschnitt, und da das fast das gleiche ist wie Tennis (Schläger, Feld, Regeln) hätte ich da ja dann auch glänzen müssen, was nicht der Fall war. Aber es ist ja wie gesagt nur eine Fantasie.
Wenn jetzt irgendwer klugschwätzerisch anmerken zu müssen meint, Tennis und Badminton wären absolut nicht einmal entfernt auch nur fast das gleiche, so sei dem dahingehend Gehör geschenkt, dass es in der Tat so ist, dass man beim Badminton keinerlei lästiger Witterung und widrigen Lichtverhältnissen ausgesetzt ist, man sich keinen Tennis-Ellebogen holen kann, die Klamotten nicht verdreckt, wenn man sich lang macht, man nur beim eigenen Aufschlag punkten kann
und der Ball grundsätzlich volley genommen werden muss. Außerdem ist das Netz viel höher und die Vereinsmitgliedschaft um ein Vielfaches niedriger. Sollte jemand noch zusätzliche, seiner Ansicht nach bedeutende Unterschiede herausarbeiten wollen, so soll er diese auf einem Notizzettel festhalten und seiner persönlichen Ausgabe dieses Buches beilegen, so dass er persönlich auch jederzeit darauf zurückgreifen kann, denn ICH bleibe dabei: es ist fast das gleiche. Mein Buch, meine Meinung.

Nach diesem Fachexkurs, der mir die Möglichkeit gegeben hat, einzustreuen, dass ich mich sehr wohl sportlich betätigt habe, nur grundsätzlich nie in den Sportarten, die ich im Fernsehen verfolgte, kann ich mich nun wieder der eigentlichen Thematik zuwenden.
Denn auch wenn wir es Becker zu verdanken hatten, dass Tennis hierzulande überhaupt auf den Bildschirm kam, so erkannte man doch schnell, was für eine dank ihrer sonstigen Heroen schillernde Sportart man bisher verpasst hatte. Denn diese ärgerliche amerikanische Unart ist in Deutschland leider auch verbreitet: Sportarten, die unser Land nicht kann, kriegten wir auch nicht zu sehen. Und zwar gar nicht. Heute zeigt uns DSF und Eurosport Sportarten, die wir noch nie gesehen haben, rund um die Uhr, quer durch alle Zeitzonen, so life wie den „tatort“. Aber vor Becker musste man sich in die Bücherei begeben und Literatur wie „Das große Sportbuch“ zu Rate ziehen, um einige Farbaufnahmen von den damaligen Spitzenspielern Jimmy Connors und John McEnroe zu erhaschen. Allerdings war die mit Abstand größte Abbildung eine doppelseitige Momentaufnahme des damals aktuellen Tennisspielers Uli Pinner (BRD), der zwar in einem kleinen Kasten gerügt wurde, das Niveau der einstigen Asse Wilhelm Bungert(BRD) und Christian Kuhnke (BRD) nicht erreicht gekonnt zu haben, aber Respekt! er hat es zumindest zu mehr Bildfläche als die Nummer Eins und Zwei der seinerzeitigen Weltrangliste gebracht, der Herr Pinner.
Sonst hätten wohl nicht genug Deutsche das Buch gekauft. Ich habe es trotzdem gemacht, und immer dann während der Sportschau hervorgeholt, wenn gerade Reiten kam oder Fechten (das können wir Deutsche nämlich auch ganz ordentlich, das heißt, die Sportler, die unsere Staatsbürgerschaft teilen, nicht wir als Volk).

Vom Namen her einigermaßen deutsch klang der Björn Borgs zumindest, aber da die Borg andere assimilieren und nicht selbst assimiliert werden, ist er leider Schwede geblieben. Und da seine Karriere endete, bevor Beckers richtig begann, konnte man den großen Borg hierzulande nur bewundern, wenn mal wieder ein Spieltag in Wimbledon wegen Regens flachgefallen war und die Öffentlich-Rechtlichen Sendeanstalten in den Archiven gekramt hatten.

So viele charismatische Tennisspieler auf einmal gab es nur in den Achtzigern, und ihre unterhaltsamsten waren sicherlich John McEnroe und Yannick Noah. Beide waren sie wie sonst kaum einer auf dem Planeten in der Lage, ein Tennisspiel interessant zu machen, auch wenn man sich aus dem Sport an sich wenig machte. Alles, was ich an Regeln und Fachwissen über Tennis wusste, lernte ich anhand der Kommentare der Spielberichterstatter; ich hätte mir auch Fang-den-Hut angeschaut, wenn McEnroe und Noah unter den Spielern gewesen wären.
McEnroe appellierte wie kein zweiter an meine Vorliebe für Spektakel und Krawall auf dem Spielfeld (ich betone das bezüglich meiner vorausgegangenen Äußerung bezüglich rustikaler Ideologie).
Und da es beim Tennis so gesehen kein Foul gibt (bis auf den einen oder anderen Körpertreffer beim Smashball), erstreckte sich das McEnroesche Aggressionspotenzial auf sämtliche Bandbreiten des verbal-psychologischen Bereiches, von der Beschimpfung des Schiedsrichters über die Anpöbelung der Balljungen bis hin zur Verhöhnung des Gegners. All dies konnte sich natürlich nur ein wahrhaft begnadeter Meisterspieler erlauben, der McEnroe zweifellos war. So sah ihm dann auch das sportliche Gemeinwesen seine nicht immer beliebten Ausfälle nach, von diversen Geldstrafen, zahllosen Punktabzügen und der einen oder anderen Disqualifikation einmal abgesehen. McEnroe bedeutete eine gute Show, und darauf kam es an.

Man kann noch so sehr die stoische Gelassenheit eines Wilanders oder Edbergs bewundern und sie für die sportlich angemessenere Form der Darstellung halten, ein kleiner McEnroe steckt doch eher in jedem von uns. Genau wie der Wunsch, in irgendeiner Sache so begnadet zu sein, dass man Weltklasse ist, ohne sich groß dafür abrackern zu müssen, und obendrein noch die süße Amanda aus „Die Bären sind los“ vom Fleck weg zu heiraten, als sie erwachsen ist und Mr. Buttermaker ihr nicht mehr reinreden konnte. Für alle, die sich an die Serie nicht mehr erinnern, die Rede ist von Tatum o’Neil.

Wenigstens hatte Mac nicht Heather Thomas geehelicht, das hätte ich ihm nie verziehen.



Der einzige Weltklassespieler, der McEnroe in jenen Tagen an purem Genie übertraf, war der Tscheche Miroslav Mecir*, genannt „Big Cat“, so wie McEnroe eben „Big Mac“ war. Das spricht man übrigens „Metschirsch“, falls man mal auf einen Tschechen Eindruck machen will. Auch wird der Name McEnroes nicht mit „ö“ am Ende ausgesprochen, auch wenn es so aussieht. Das aber nur am Rande.
Überhaupt hatten fast alle Topspieler Spitznamen, denn locker war der Umgang miteinander in einem Tenniszirkus, der seinerzeit mehr Freiraum ließ für Spaß und gute Laune. Da waren noch Jimbo, Jok, Slobo, Iwan der Schreckliche und natürlich unser Bobbele, der auch verwerflicherweise „Kupferdach“, „Ochs“ und „Oasch“ genannt wurde, dies allerdings gewöhnlich nur musterhaft, von dem österreichischen Kollegen Thomas Muster nämlich.

Zu was hätte es ein Mecir bringen können, hätte er sich lendlgleich geschunden! Aber dann wäre er nicht mehr Mecir gewesen. Überhaupt ist Mecir so etwas wie die Verkörperung der 80er Gute-Laune-Zeit, die es aus Zuschauersicht heute ganz gewiss nicht mehr gibt. Inzwischen hat die schwedische Schule sich durchgesetzt; ein Spiel wird von der Grundlinie aus gewonnen, es wird möglichst fehlerlos gespielt, und da das inzwischen alle einigermaßen können, findet der Zuschauer irgendwann mit Entsetzten heraus, das im Tennisreglement keinerlei Zeitbeschränkungen hinsichtlich der Dauer eines Tennismatches existieren.


*Überhaupt dominierten die tschechischstämmigen Spieler die 80er
Tennisszene recht markant. Zwar spielte in den Tagen die damalige CSSR nie eine so große Rolle beim Daviscup wie z.B. eine gewisse Beckerrepublik, was aber daran lag, dass sich so gut wie jeder Topspieler nach ersten sportlichen Erfolgen in einem westlichen Land seiner Wahl (USA) einbürgerte, damit diese ebenjenen Daviscup noch öfter gewinnen kann. Mecir war eine seltene Ausnahme, ich denke, weil der Papierkram recht aufwendig war und er nicht gern weit reiste...
Das ist ähnlich wie mit dem Generationenvertrag in der gesetzlichen Rentenversicherung: In beiden Fällen wurde bei Festlegung nicht bedacht, dass sich die Grundvoraussetzungen einmal derart ändern können, dass so ein Gebilde zusammenbricht.


Waren Spiele mit Edberg beispielsweise noch amüsant, weil zumeist ein frustrierter Gegner irgendwann den Ball entnervt in Netz gedroschen hat und sich seinem Schicksal ergab in der Hoffnung, nicht alle Verabredungen für den weiteren Abend verpasst zu haben, so stellt man heute fest, dass die sportliche Evolution in diesem Fall entsprechend gleichgezogen hat. Durch immer härtere Trainings- und Wettbewerbsbedingungen spielt inzwischen jeder auf Nummer sicher und hat auch die Kondition, das eiskalt durchzuziehen. Auf dem Zahnfleisch daherrutschende Athleten, die sich nur mit einer Handvoll Bananen bis zum Sieg der French Open schleppen können, weil der Gegner denkt, der fällt jeden Moment tot um, findet man heute in der Weltspitze nicht mehr. Bei Michael Chang hat das exakt einmal funktioniert, dann war er in der Szene bekannt. Aber immerhin, im Finale hat er keinen Geringeren als Edberg besiegt, einen erwiesenen Meister der Zermürbung. Aber heutzutage würde ab Runde drei eines Grand Slam-Turniers üblicherweise ein Aufschlag-und Grundlinien-Monster ohne technische Fehler auf ihn warten, soviel Bananen gibt es ja in ganz Frankreich nicht!

Im Fußball ist es ja nicht anders; Technik und Ausdauer zu Lasten des Spielspasses, um es kurz zu fassen. Aber da ist nach neunzig Minuten Schluss, bei Turnieren kommen noch mal insgesamt 30 Minuten drauf, und dann Elfmeterschiessen. Aber weil das auch noch mal so lange dauern kann, und es da mit Ausdauer und Technik alleine nicht getan ist, hat man das Golden Goal erfunden, den finalen Netzschlag des Entnervten sozusagen. Das aber wohl nur, weil sich die Alliierten Fußballmächte immer mächtig geärgert haben, dass Deutschland das Elfmeterschiessen so verdammt gut kann, und es auch konditionell locker bis dahin schafft. Ich vermute, dass die deutsche Nationalmannschaft inzwischen – egal, in welcher Aufstellung – im Rahmen der üblichen Auswechselungen bis zu 96 Stunden nonstop durchspielen kann, ohne ein Tor zu schießen, und dann das Elfmeterschiessen gewinnt. Besser als die Golden-Goal-Regel wäre daher eine Regelung, die es vorsieht, alle drei Minuten jeweils einen Spieler vom Platz zu stellen, irgendwann wird dann schon Raum für Konter frei, und die Zuschauer sehen endlich wieder Tore. Denn Elfmetertore sind wie alkoholfreies Bier, besonders die nach der Verlängerung. Deswegen zählen solche auch nicht in den Statistiken, sonst wäre endlich mal ein Deutscher nach Gerd Müller Torschützenkönig bei einem internationalen Turnier geworden.

Daher könnte man auch Tennis inzwischen gleich im Tie-Break anfangen, dafür spielt man dann immer fünf Sätze, außer bei Anna Kurnikova, die spielt sieben, dafür ist sie früh weg. Hiermit sei seitens des Autors ausdrücklich betont, das der sportliche Wert des Damentennis als solches nicht in Frage gestellt werden soll, denn für die Frauen ist das genauso anstrengend, wie für die Männer das Herrentennis, keine Frage. Ich selber habe mir nur deswegen nie viel aus Damentennis gemacht (obwohl mein Heimatland da weltspitzenmäßig deutlich über dem Herrentennis angesiedelt war), weil a) die Identifikation fehlte
b) Chris Evert zu alt war (außerdem hatte ich Angst vor ihrem
überdicken Schlagarm
c) die Kleiderregeln damals viel strenger waren
d) die Spielerinnen damals viel hässlicher waren als heute

Außerdem passte mir Steffis Nase nicht, haha. Was d) betrifft, zeigt sich allerdings, dass damals wenigstens das Merchandising noch nicht ganz so groß geschrieben wurde wie heute. Damals musste man nämlich auch als Frau erst mal ordentlich was gewonnen haben, bevor man auf den Center-Court durfte. Aber hätten sie der guten Jody aus „Colt...“ eine Wildcard gegeben, ich hätte mir das selbstverständlich angesehen. War aber nicht, ergo – Herrentennis.
Allerdings, wer mal die Arme von Martina Navratilova gesehen hat, glaubt nicht so leichtfertig, dass jeder Spieler aus den Top 100 der Herren die Top 1 der Damen locker vom Platz fegen würde, das noch zur versöhnlichen Abschlusssentenz in Bezug auf das Damentennis.

Wie kam ich darauf? Ach ja, die Endlosspiele der Gegenwart. Nun, das längste Spiel, das ich jemals gesehen habe, war der Fünfeinhalb-
Stundenkrimi anlässlich einer Daviscup-Begegnung zwischen einem
Comeback-athlethisierten McEnroe und Deutschlands Ein-Mann-Tennisrevolution Boris Becker. Ich erwähne dies, weil das Match trotz der dem nichtfirmen Leser Andersartiges implizierenden Länge
Eben kein inzwischen übliches Endlos-Taktikgeplänkel war, sondern ein durchweg spannendes Klassespiel, das von zwei herausragenden Vertretern ihrer Zunft bestritten wurde, die jeder über soviel Talent verfügten, dass sie es sich in der damaligen Zeit erlauben konnten, mit Leidenschaft zu spielen. Zwar habe ich zugegebenermaßen das Spiel als Komplettwerk nicht verfolgt, weil das übliche Tagesgeschäft ja nicht liegen bleiben konnte, den ein vierteltägiges Tennismatch sonst zwangsläufig eingefroren hätte, aber es waren der Highlights viele, die neueren Tages nimmermehr gesehen wurden.
Die epische Länge begründete sich schlussendlich auch nicht dadurch, dass endlos um die Punkte gespielt wurde, und es immer wieder hieß „Deuce“ – „Advantage Becker“ – „Deuce“, - „Advantage McEnroe“, – „Deuce“, - „Advantage...“, und so weiter und so fort, das ganze immer wieder, bis zum Umfallen, bis in die frühen Morgenstunden, bis der Chef anruft und fragt, wo man denn bleibe.
Sie trug vielmehr dem Umstand Rechnung, dass es seinerzeit üblich war, im Daviscup die Sätze generell auszuspielen; das heißt, kein Tie-Break, kein Golden Goal, nicht mal Elfmeterschiessen.
Bis die Sätze dann zweistellig waren, und sogar dreistellig wäre gegangen, wenn die Anzeigetafel mitgespielt hätte. Heutzutage gilt aber auch im Daviscup die Tie-Break-Regelung, wenigstens für die ersten vier Sätze, weil sonst heutzutage der Daviscup über 4 Jahre gespielt werden müsste oder der normale Spielbetrieb zum erliegen kommen würde, ganz zu schweigen vom Enthusiasmus der Zuschauer. Wirklich, ich hatte früher immer Angst vor Begegnungen wie Edberg gegen Wilander oder Nyström gegen Pernfors, aber das hielt sich halt in Grenzen. Und wenn dann zeitgleich Noah mit Leconte rumalberte, oder Connors und McEnroe verbal einen ganzen Court in Schutt und Asche legten, dann nahm man solcherlei Turnierplanungspech gelassen hin, war ja dann wenigstens einer weg, aber heute –ich will mich nicht wiederholen.
Komisch nur, dass die Schweden heutzutage kaum noch Weltklassespieler haben; ob sie bereuen? Oder sind die auch alle in die USA emigriert? Ich bin da ehrlich gesagt nicht mehr so auf dem Laufenden.
McEnroe hatte zwar – verbunden mit seinen Comebackabsichten – inzwischen angefangen, ernsthaft und unter professioneller Aufsicht zu trainieren, seiner vielzitierten Eiskremdiät abgeschworen, kurzum, er hat begonnen, ein wenig mehr wie Lendl zu leben, der einzig durch härteste Arbeit an sich selbst und eisernem Willen seine jahrelange Weltspitzendominanz begründete.
Auch Becker kam in Phasen, in denen er versuchte, durch härtere Trainingsmethoden mehr aus sich herauszuholen, nämlich als er den Zeitpunkt auf der inneren Uhr erreichte, auf dem McEnroe damals stand, als Genius alleine ihm nicht mehr half, dem heißen Atem der jüngeren, durchtrainierteren und voll auf Powerplay gedrillten Verfolger zu entkommen. Leute wie Mecir verschwanden irgendwann recht still und heimlich; er ist mein wahrer Held, der nie einen Fußfall vor dem Kommerz gemacht hat, er, dem sein Fusselbart wichtiger war als Sponsorenmillionen, der als letzter (mit Ausnahme von Connors, wenn ich richtig informiert bin) am guten alten, vermutlich mit Naturdarm bespannten Holzschläger festgehalten hat und dafür auf möglicherweise entscheidende km/h bei der Ballbeschleunigung verzichtete, die die graphitgegossenen und mit Kevlarsaiten versehenen High-Tech-Racket der Next Generation mit sich brachten. Sein Trainer war er selbst, und der war alles andere als ein Schleifer, den Angeln stand oft auf dem Programm. Als Sparringpartner genügte zum Warmspielen bei Turnieren meist schon ein Masseur, denn wenn Mecir gut drauf war, konnte nur Gott selbst ihn schlagen. Wenn nicht, dann aber auch jeder x-Beliebige von der Strasse. War halt nicht sein Tag dann. Er hat dann seine sieben Sachen gepackt, das Preisgeld bar in die Hosentasche gestopft und ist noch ein wenig übers Gelände flaniert. Der war so zufrieden, dass er nicht einmal aus dem Ostblock rauswollte. Mecir hatte alles, um ein Idol zu sein. Nur hatte er nichts, um als Werbeträger zu taugen. Damals ging das noch, denn ich denke, dass es noch immer Mecirs auf der Welt gibt. Allerdings lädt die kaum einer zu Turnieren ein, und so können sie keine Punkte sammeln, um so hoch in die Weltrangliste zu kommen, dass sie keine Einladung mehr brauchen. Sie bleiben vermutlich gute Hobbyspieler, die ihren gepflegten Sachbearbeiterjobs in staatlichen Betrieben nachgehen, sofern es die noch gibt. Bleibt noch zu erwähnen, wer in jenen Tagen der Albtraum der Söhne Borgs war, da er sie bis zur Depression wieder und wieder schlug: Miroslav Mecir...
Selbst McEnroe, dessen Talent vermutlich als einziger in Mecirs Sphären anzusiedeln ist, musste später hart trainieren, um in der Weltspitze wieder mitspielen zu können, wohlgemerkt, mitspielen. Der Mann, der selbst die Tennismaschine Ivan Lendl einst auf dem Platz auseinandernehmen konnte, vermochte nicht die Zeit, die er allein durch die Gnade seines Talents an der Weltspitze verbracht hatte, durch nachträgliches Training auszugleichen.

Aber es war immer noch eine Zeit, in der hinter jedem Spieler eine Geschichte stand, jedes Schicksal – oder zumindest die meisten -
war ein individuelles, ein Gomez unterschied sich vollkommen von einem Gerulaitis, Villas und Noah ähnelten sich in Vita und Spielweise ebenso wenig wie Becker und Stich.

Es ging eine gewisse Faszination aus, die über den Tennisplatz, das Spiel und das aktuelle Turnier hinaus bestand, man freute sich einfach, die Spieler zu sehen, sie hatten Geschichten, ihre Matches waren niemals gleich, auch wenn sie zum zehnten Mal gegeneinander spielten. Fast noch unterhaltsamer waren anschließende Pressekonferenzen, die man leider viel zu selten zu sehen gab (außer mit deutscher Beteiligung), in denen man Statements genießen durfte wie die fantastische und niemals wiederlegte Äußerung von Gerulaitis, der nach einem Sieg über Jimmy Connors vor versammelter Pressemannschaft mitteilte, dass niemand einen Vitas Gerulaitis 18mal in Folge schlägt. (er hatte zuvor 17 Mal hintereinander gegen Connors verloren, welch Glück...)
Oder der Australier Pat Cash, der mal auf eine Reporterfrage nach den Gründen für eine just erlittene Niederlage zickig behauptete, er habe seine Tage, was wiederum einen Sturm der Empörung bei den weiblichen Kollegen auslöste, von denen sicher einige gar nicht so recht wussten, was er meinte, alldieweil er sich aber schon des öfteren verächtlich über das Frauentennis an sich geäußert hatte, es ihm deswegen pauschal übel genommen wurde.

Ja, es war ziemlich schwer, seinen Lieblingsspieler zu benennen, einfach, weil es so viele gab. Tennisspiele im Fernsehen waren auch noch etwas Besonderes, da die Übertragungen im Rahmen und auf Höhepunkte beschränkt blieben, nämlich Grand Slam, Masters und Daviscup. Ich bin der Meinung, man muss nicht jedes ATP-Turnier live und zur besten Sendezeit übertragen; das sind bei den Fernsehsendern inzwischen auch andere, was allerdings eher mit dem Umstand zusammenhängen wird, dass die Post-Becker-Ära sich ähnlich darstellt wie die Prä-Becker-Ära, nur dass jetzt auch noch eine gewisse nationale Erwartungshaltung zugrunde liegt, der im deutschen Tennisnachwuchs bisher keiner gewachsen war und die eine ungestörte Entwicklung auch nicht gerade begünstigt.


Dennoch, selbst wenn die Dinge anders lägen und wir Deutschen in Stellvertretung durch ein, zwei herausragende Spieler wieder allesamt oben mitmischen würden, Fernseh-Tennis wird vermutlich nicht mehr die Faszination ausstrahlen können, der ich seinerzeit erlegen bin, ohne auch nur den Hauch von Ahnung und Vorliebe bezüglich diesen Sportes besessen zu haben. Die breite Volksmasse wird sich vermutlich immer noch freuen, wenn ein Deutscher ganz oft irgendwas gewinnt, aber Nationalstolz allein fesselt keine breite Öffentlichkeit vor den Fernseher. Sonst hätte auch Wasserball, Hockey oder Surfen viel breitere Berichtserstattung lohnenswert gemacht.

Inzwischen gibt es nicht mal mehr die gute, alte ATP-Weltrangliste.
War auch zu kompliziert für den Gelegenheitsgucker.
Alles, was einem Tennis-Nostalgiker wie mir und gewiss noch ein paar anderen da bleibt, ist zu gucken, ob im DSF mal zufällig ein Altherren-Benefizturnier läuft, mit Borg gegen McEnroe oder Connors gegen Noah. Lendl spielt leider nicht mehr (der Rücken), allenfalls noch Golf und züchtet Schäferhunde. Gerulaitis ist tot (der Ruhm und die Drogen), Becker Unternehmer, aber den ein oder anderen konnte und kann man hin und wieder mal als Trainer, Funktionär oder Werbeträger sehen. Oder vor Gericht. Oder alles auf einmal.
Wie im Fußball halt. Sport ist wirklich Nebensache.


Für Fußball habe ich mich auch erst später als für Tennis interessiert, und genaugenommen eigentlich auch nur wegen Tennis. Meine Hauptquelle für Neuigkeiten war nämlich – Zeitgenossen werden mir beipflichten – nicht das Internet, der SMS-Infoservice oder einer der heute zahlreichen rund-um-die-Uhr-Sportkanäle, sondern einzig und allein die gute alte Tageszeitung; um das Kind beim Namen zu nennen, die literarische Inkarnation des Rheinlandes, die Stimme der Colonia Claudia Ara Agrippinensis: der Kölner Stadt-Anzeiger. Seinem Sportteil im Allgemeinen und spritzigen Kommentarschreibern wie Olaf Bachmann und Frank Nägele im Besonderen verdanke ich einen Grossteil meines Sportverständnisses. Naja, und weil es im Kölner Raum über Fußball immer etwas zu schreiben gibt (der FC zählte damals noch zu den Prachtvereinen der Bundesliga, und es war ein absoluter Ausnahmezustand, wenn er gegen seinen heutigen Hauptgegner kämpfen musste, den Abstieg, Anm. am Rande), und es zwischen den großen Tennisturnieren immer mal wieder Löcher gab, wurden unter anderem die Fußballbeiträge als Surrogat in den Teenagerfeiernachmittag integriert. Zwar gab es auch Artikel und Berichte über Eishockey (KEC) und Basketball (BSC Saturn Köln, wer erinnert sich mit mir?), und auch über die Sportarten, die im Kölner Vereinsleben nicht in der höchsten nationalen Klasse ihrer Zunft mitspielten, aber richtig warm wurde ich dann nach entsprechender Vorlaufzeit nur für Fußball.
Der Durchbruch kam zur WM ´86 – begleitet von einem täglichen mehrseitigen Spezialsportteil mit allem Drum und Dran zu diesem Thema, an dem man einfach nicht vorbeikam. Wimbledon war gerade gelaufen, das Tennis-Sommerloch begann, und immer noch sporthungrig, den schnöden Bundesligafußball aber verschmähend (war ja eh Sommerpause, wusste ich aber natürlich nicht), nahm ich mich ebendieser WM-Beilage an, da es sonst nichts im Sportteil zu lesen gab.
So begab es sich also in jenen Tagen des Sommer 1986, dass ein 13jähriger, gerade den Titel ‚Teenager‘ kraft Translation des Zahlenwertes der vollendeten Lebensjahre ins Englische erlangt habende Passivsportler aus dem Bilderbuch, der bis dato Beckenbauer für eine Berufsbezeichnung in der Keramikbranche und Cruyff für eine sinnlose Ansammlung von Buchstaben hielt, in die internationale Welt jener fast weltweit gültigen Volkspassion gestürzt wurde, der er bis Ende der Neunziger Jahre beiwohnen sollte.

Bis dahin war ich bei den ganzen Jungengesprächen in der Klasse mangels Interesse und daraus resultierender Sachkenntnis stets außen vor; ich hatte zwar Gesprächspartner unter den Gleichaltrigen, aber das waren vom sportlichen Standpunkt her eher Gleichgesinnte; man teilte die Vorlieben der Wissenschaften und der Philosophie; es wurden die Werke Dvoraks und de Maupassants gerühmt, die Theorien Heisenbergs und Schrödingers wurden untersucht, Gedanken von Kant und Adorno stets aufs Neue kritisch disputiert.
Aber den Zugang zu jener fabelhaften Geheimwissenschaft namens Fußball zu beschreiten war mir nicht einmal in den Sinn gekommen, da alle, die in der Öffentlichkeit über Fußball sprachen, ihn auch praktizierten. Die simple Abstraktion der Theorie von der Praxis lag mir da nicht auf der Hand.
Letztendlich lag es aber wohl eher daran, dass eine so primitive und lediglich die Plebejer dieser Welt zu einigen scheinende Beschäftigung wie das Treten eines Balles zwischen zwei zahlenmäßig gleichstarken Parteien innerhalb einer festgelegten Fläche mit dem Ziel, besagten Ball möglichst häufiger als die Gegenpartei durch einen quaderförmigen Rahmen zu befördern, pseudo-wissenschaftlich unterlegbar ist.

Dies war ein positiver externer Effekt, der sich mir nun darbot: mit der Kenntnis über Abläufe im Profifußballgeschehen sprach ich plötzlich die Sprache des gemeinen Klassenvolkes, wurde aufgenommen in den Ring der montags vor Schulbeginn den zurückliegenden Bundesligaspieltag verarbeitenden kernigen Männergemeinschaft, die geeint ist durch ihre Liebe zum Gemeinwesen: dem Fußballgeschehen.
Allerdings muss man dabei feststellen, dass während so einer WM natürlich alles eitler Sonnenschein ist, der nur während einer solchen anhält. Der gemeine Fußballfan hat nämlich die Angewohnheit, die weiter ausgediehen und auf einen größeren Personenkreis bezogen
Seit Anbeginn der Menschheit zu Krieg und Verderben geführt hat: die Ausbildung einer Wir-gegen-die-Mentalität. Das gibt es irgendwie nur bei den Mannschaftssportarten, wohl weil hier die Förderung eines Gemeinschaftsgefühl unterstützt wird. Ich habe jedenfalls nie erlebt, dass beispielsweise ein Edberg-Fan einem Lendl-Verehrer
wegen seiner Ansicht Prügel angedroht hat oder generell irgendwelche Aggressionen gegenüber Anhänger des Gewinners bei den Verlierer-Sympathisanten spürbar wurden. Tennis ist auch da eine saubere, feine und in sich abgerundete Sportwelt.

Ganz anders funktionieren da klassische Fußballfans. Spieltäglich konnte man Bewahrheitungen von Redensarten wie „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“, „wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ oder „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ beobachten.
Bei einem internationalen Turnier sind natürlich sämtliche Anhänger geeint im nationalen Lager; aber sobald sich dieses auflöst, zerfällt es in viele kleine Splitterfraktionen, die plötzlich nur noch einem Verein die Treue halten. Aber beim nächsten internationalen Anlass ist alles wieder vergessen, und es gibt endlich wieder genug Gleichgesinnte, um einen schönen Länderspielfernsehabend bei Chips und kalten Getränken anzuberaumen.
Ich habe es erlebt, wie ein Mitschüler monatelang (meist montags von unterlegenen Gegnerschaftsanhängern) wegen eines Bayern-München-Rucksackes gehänselt wurde und die eine oder andere physische Abreibung verpasst bekam, obwohl doch bei den Bayern so viele Nationalspieler spielten, mit denen man gemeinsam zweimal Vizeweltmeister geworden war.

Ich rede hier zugegebenermaßen aus der erhabenen Position eines nicht vereinsorientierten Passivsportlers heraus; vermutlich entsteht solch eine Vereinsidentifizierung nur, wenn man in ebensolchem mitspielt. Und da alle besagten Altersgenossen in nichtssagenden, höchstens lokal agierenden Vereinen in den entsprechenden Jugendabteilungen spielten, und – obwohl die meisten von ihnen in meinem Steckbriefalbum* Vorstellungen wie „Fußballprofi“, „Profi-Fußballer“ oder „Fußballspieler“ dokumentierten (damals meist noch mit ß, in Ermangelung einer überflüssigen Rechtschreibereform, ja, manches war damals wirklich besser; ich halte es mit ihr übrigens ähnlich wie Kirk und Picard mit der Obersten Direktive...), es im Durchschnitt zu einem abgebrochenem Studium der


*Ihr kennt diese Dinger sicher, sie waren damals sehr verbreitet und die männliche Antwort auf Poesiealben: kleine Büchlein mit Aufschriften wie „Meine Schulklasse“ oder „Meine Klassenkameraden“ mit jeweils einer Doppelseite zum Ausfüllen von Rubriken wie „Lieblingsessen“, „Lieblingsband“, „Lieblingssonstwas“, die neben ein paar persönlichen Angaben und einer Freifläche für ein Foto, die seltenst genutzt wurde, und wenn überhaupt nur für ein Gegenfoto im Gegenalbum, abschließend einen Berufswunsch und einen Wunsch fürs Leben (für die Mädchen, die Poesiealben gewöhnt sind), beinhalten. Langfristig die interessanteste Äußerung ist natürlich der Berufswunsch, zumal sich dies nachfassen lässt...
Sportwissenschaften oder zu einem Einzelhandelskaufmannsgehilfen (IHK) gebracht haben (im örtlichen Sportartikelshop), so ist auch dies
wieder ein Beleg dafür, dass es für den Menschen noch Hoffnung gibt, da er stets besser sein will, als er ist.


Ich wollte ja schließlich Astronaut werden und hatte somit ein viel erreichbareres und realistischeres Ziel vor Augen. Es kann halt nicht jeder Sternenflottenadmiral oder Jedi-Meister werden, deswegen muss man seine Ansprüche relativieren. Naja, ich bin es dann doch nicht geworden, aber wenn man bedenkt, was damals mit Challenger passiert ist, dann sollte man nicht klagen und sich über eine Banklehre freuen. Genau das tat ich dann auch.

Nunja, solch angesprochene Vereinsmeierei war halt meine Sache nicht; Deutschland ist zwar das Mutterland der Vereine, und auch ich bin Mitglied im ADAC, aber ich würde niemals für ihn ins Stadion gehen.
Selbst durch die recht lokalpatriotisch orientierte Berichterstattung eines Kölner Stadt-Anzeigers ließ ich mich nicht verführen, beispielsweise in FC-Bettwäsche zu nächtigen oder Aspirin zu schlucken, auch wenn ich selbstverständlich Zu-und Abneigungen auszubilden begann. Ich denke, gerade deshalb habe ich nie zu dem wahren Kern der Fußballfans gehört und mir eine weltmännische Distanz stets beibehalten können. Man muss schließlich auch keine Atome spalten können, um sich mit der Quantenthorie zu beschäftigen. Ein objektiver Sachverstand ist dann zumeist auch einer emotionsgeladener Vereinsideologie vorzuziehen. Was nützt es beispielsweise, alle Fußballergebnisse des SV Werder Bremen seit Bundesligazugehörigkeit zu kennen, wenn dabei der Genuss an sportlich höherwertigen Leistungen anderer an einem vorbeizieht?



Daher verdanke ich meine Passivbegeisterung für „des Deutschen liebsten Kindes“, „der schönsten Nebensache der Welt“, oder wie man sonst joval-euphemisierend im breiten Volksmund sagt, nicht dem Geschmack von trister Bundesligakost (nur Werke wie Das Grosse Sportbuch sprachen noch von der „besten Liga der Welt“), sondern dem Genuss feuriger WM-Delikatessen.
In den Achtzigern begann nämlich, wie sich jeder leicht erinnern wird, das große Geld dem sportlichen Pathos zu weichen. Millionen von Marken zogen zig Spitzenspieler rund um den Erdball vornehmlich nach Italien und Spanien; allerdings lernte so wenigstens auch jeder arbeitslose Ruhrpöttler, mit Millionenbeträgen zu jonglieren. Familienväter, die ein Bruttojahreseinkommen von 50.000 DM erzielten, bekamen Tobsuchtsanfälle, wenn – sagen wir mal Thomas Berthold 150.000 DM mehr in Italien verdiente als weiland Olaf Thon für gleiche Leistung in Schalke. Aber ich verrenne mich schon wieder darin, irgendwelche gesellschaftspsychologische Beobachtungen zu repetieren. Ist mir auch egal, was da wer für wie viel Tage verletzt auf der Bank sitzen so als Stundenlohn in TDM kassiert, die Zeiten, in denen ein verdienter Nationalspieler sich mit der pachtweisen Betreibung einer Lotto-und Toto-Annahmestelle nach Karriereende über Wasser halten muss, gehören der Vergangenheit an, zumal auch das in den frühen Achtziger Jahren so beliebte Bauherrenmodell als Kapitalanlage ausgedient hat.

Nun, das Ziel dieser Ausführung soll der Hinweis auf den Umstand sein, dass man die besten Spieler eben nur noch bei internationalen Anlässen sehen konnte, selbst die seines eigenen Landes. Einen Karl-Heinz Rummenigge oder Hans-Peter Briegel (ach, was liebe ich sie, diese nostalgischen Doppelnamen!Wer nennt heute sein Kind noch so?), den ich von zahlreichen hanuta-Sammelbildern auf Kleiderspinden kannte, sah ich so zum erstenmal im Fernsehen spielen. Und die meisten Nationalspieler überhaupt erst kennen. Die Rede ist an dieser Stelle nämlich von der WM 1986 in Mexiko („Mexico mi amor“, wem klingt es nicht noch heute von Peter Alexanders Offiziellem Titelhymnengesang tinnitusartig in den Ohren, wenn er über dieses sportliche Großereignis zurücksinniert?)

Denn die EM ’80, ‚84 und die WM ’82 sind an meinereiner aufgrund vorausgehend angesprochenem spätzünderischen Interesses recht unbemerkt vorübergezogen; lediglich zu erwähnen fällt mir ein, dass ich mich nach den Sommerferien ’82 auf dem Grundschulhof über das Wort ‚Vizemeister‘ wunderte, dass ich damals zum ersten Mal von fußballbegeisterten Altersgenossen hörte, respektive des erreichten zweiten Platzes – oder nennt es Finalniederlage – der deutschen Auswahl. Aber wie kann man die sportbegeisterte Jugend, die Euphemismen noch unkritisch absorbieren, mehr beeindrucken, als mit deppigen Pseudotitelbezeichnungen? Außerdem kann man Tassen und Schals damit bedrucken und viel besser verkaufen, da „Vizeweltmeister ´82“ erheblich ruhmreicher klingt als „Finalverlierer ´82“. Wäre Deutschland schon im Halbfinale ausgeschieden, wer weiß, ob er nicht seinen Schlaf der Bettwäsche mit dem Aufdruck des Semivizeweltmeisters anvertraut hätte? Aber da kackt der Hahn drauf.
Tatsache ist, ich habe die Ära Rummen igge und Platini so gut wie verpasst, da sie nach 1986 quasi in den Ruhestand gingen. Da es noch keine Japan-Liga und momentan keine US-Liga gab, ging es halt in die Schweiz (Rummenigge), steuerlich ein noch prachtvolleres Land als Österreich (Stielike; aktiv total verpasst).
Die WM 1986 war sowieso ein Umbruchsmoment für viele gerade von mir liebgewonnenen Nationalspieler, die danach ins Ausland zogen oder ihre Karriere beendeten. Aber über den deutschen Tellerrand hinweg war ich begeistert von der Vielfalt und dem Spielwitz – sofern er sich mir als Laien erschloss – der ausländischen Mannschaften. Ich füge hiermit noch um der politischen Korrektheit wegen an, dass im eigentlichen Sinne alle außer den Mexikanern Ausländern waren, aber ich beziehe mich hier auf die Sichtweise des deutschen Fernsehzuschauers. Außerdem hatten die auch nur Glück, dass die Kolumbier nicht an ihrer Stelle waren, aber es fehlte halt an Geld für die Ausrichtung, und das finanzkräftige Mexiko bekam vor der bettelarmen USA den Vorzug, was schon im Vorfeld für Diskussionsstoff auch für diejenigen gedient haben mag, die immer maulen, im Sport ginge es ja nur um Nebensächlichkeiten, Politik beispielsweise sei doch viel wichtiger. Und zack, schon ist ein Bogen geschlagen, und da inzwischen jedes Kind weiß, dass es dabei um Geld geht, ist auch die Zielgruppe der Freunde der Wirtschaftswissenschaften eingeschlossen.

Also, wenn ich heute nochmal darüber nachdenke, dann war die WM von ’86 meine Lieblings-WM. Nicht unbedingt, weil die Erste subjektiv wie die Schönste erscheint. Die Begründung liegt ganz klar auf der Hand: Deutschland war bis zuletzt dabei (daher konnte man sie als nationales Großereignis von Anfang bis Ende polymedial verfolgen und genießen), und es gab jede Menge Action auch und gerade hinter den Kulissen! Überhaupt waren meist gerade aus deutscher Sicht die Spiele nur lästige Unterbrechungen von den wahren Kämpfen abseits des Spielfeldes. Kaum ein Tag verging nicht ohne einen herzerfrischenden Zank zwischen den Fraktionsführern Schumacher (FC Köln) und Rummenigge (FC Bayern), selbst bei den nicht einmal benötigten Lückenbüßern war es immer spannend, ob sie irgendwann mal aus Frust Amok laufen (Allgöwer), vor jedem Spiel durfte man erneut gespannt sein, wer die Libero-Streitfrage diesmal für sich entscheidet (Augenthaler, Eder, Herget).
Dennoch wurde Geselligkeit kultiviert und gepflegt, manch überzogener Zapfenstreich kann davon bekunden. Hernach wurden die stolzen Söhne Deutschlands von einem der Ihren als Gurkentruppe verhöhnt, und als krönender Höhepunkt Seine Majestät, der ‚Kaiser‘ selbst, öffentlich des Suppenkaspertums bezichtigt (Stein), wenn auch freilich nicht ungestraft. Bis zum ‚Effe‘ sollte es keine gleichwertige Aktion mehr geben, jedenfalls in Bezug auf die Ahndung dieses Frevels. Und man bedenke, es reichte bis ins Finale! Lässig wäre geprahlt, keine Frage, denn bis zum Halbfinale sah man kein gutes Spiel der Deutschen, und gegen den einzigen starken Gegner wurde gnadenlos verloren (Dänemark, mit dem unvergleichlichen Michael Laudrup und dem unvergesslichen Preben Elkjaer-Larsen). Ja, in der Vorrunde darf man sogar verlieren. Danach muss man nur irgendwie gewinnen, sei es nur elendig und hauchdünn. Das hätte mal einer den Dänen sagen sollen, denn für die war schon im Achtelfinale Feierabend, ich weiß bis heute nicht, wieso, denn gegen Deutschland hatten sie doch genug Zeit, um sich auszuruhen. Aber Häme mal beiseite, bis zum Halbfinale war man einigermaßen warm gespielt und lieferte das erste überzeugende Spiel der WM ab. Plötzlich war auch der Finalsieg zum Greifen nahe, denn gegen die überlegenen Argentinier wurde gekämpft, der nie gesund aufgelaufene Rummenigge avancierte sogar noch zum deutschen Torschützenkönig mit 3 Toren – das waren glaube ich ein rundes Drittel aller erspielten Tore der Deutschen überhaupt bei der WM – und wir alle können uns denken, wer das eigentlich nun sehnlichst herbeigewünschte Elfmeterschiessen wie immer gewonnen hätte, wäre da nicht ein kleiner, unscheinbarer Latino namens Burruchaga gewesen, der nun mit der letzten Führung der Argentinier dafür sorgte, dass der Spaß außerhalb des Platzes nicht von unerwartetem sportlichen Erfolg in den Schatten gestellt werden konnte.
Toni Schumacher ist dann leider nicht Weltmeister geworden, das hat er dann auch wenig später in seinem Buch „Anpfiff“ * bedauert.
Auch sonst stehen da einige interessante, den Bundesligaalltag der Achtziger Jahre näher beleuchtende Sachen drin, die trotz und gerade


*Knaur, 1987
stehenden Fußes folgender Dementis aus mehreren Ecken und damit verbundenen Nationalmannschaftsverbannung* so ganz hanebüchen nun ja nicht sein können. Ich kann die Lektüre aufgrund ihres zeitgeschichtlichen Nutzens nur jedem Fußballfreund dieser Tage ans Herz legen, allerdings mit zwei Ausnahmen:
Fans von a) Uli Stein (nicht dem Zeichner)
und b) Olaf Thon (WM-Kader ’86)


Leider werden solche Bücher nicht mehr geschrieben, weil es – ebenso leider – solche Spielertypen wie Schumacher, aber auch Stein und Rummenigge nicht mehr gibt.
Das ist wie mit den McEnroes, Nohas und Gerulaitisses im Tennis, in erster Linie eine Zeitgeistfrage.

Ach ja, soll ich noch etwas zur EM ‘88 und WM ’90 (die ja rechnerisch noch zu den Achtzigern zählt; wer anderer Ansicht ist, der sieht auch an einer normalen menschlichen Hand nur vier Finger...) sagen? In Anbetracht der Tatsache, dass ich mich zur ‘86er WM ausführlichst geäußert habe, will ich auf diese weiteren Großereignisse verzichten und auch auf weiters Fußballgeschehen nicht weiter eingehen, denn dies soll schließlich genauso wenig ein Buch über Fußball wie über Star Wars werden, und irgendwann ist Schluss.


** Um Missverständnisse semantischer Art vorzubeugen: Harald „Toni“ Schumacher wurde nicht zur Strafe IN die, sondern AUS der Nationalmannschaft verbannt. Dies läutete dann völlig überraschend und mangels anderer Alternativen die ruhmreiche Karriere des Eike – der muss-doch-einen-männlichenZweitnamen-haben-der-vorzugsweise-mit-P-anfängt – Immel ein, der aber sofort sportlich fair seinen Rücktritt erklärte, als ein würdiger Nachfolger gefunden wurde in Form eines Mannes, dessen Name blockschriftlich mit drei großen „I“ geschrieben werden kann und der auch vom FC Köln kam.

So auch hier, jedenfalls mit jenem sagenhaften Ballsport, der trotz seiner weltweiten Bedeutung (in 190 von 191 Ländern zumindest, und das fehlende hat 50 Staaten mit Hawaii, aber wenigstens Star Wars erfunden) das Bild der Achtziger Jahre nicht allein geprägt hat.
12.6.06 20:04
 


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